Gemeinsam im Sozialraum unterwegs

Caritas-Fachtagung mit Professor Dr. Wolfgang Hinte

brachte Profis ins Gespräch

30.1.2018  |  Zur Fachtagung im Klosterforum nach Maria Laach hatte der Caritas- verband Rhein-Mosel-Ahr e.V. eingeladen. „Gemeinsam im Sozialraum unterwegs“ waren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Caritasverbands aus Ahrweiler, Andernach und Mayen sowie Kooperationspartner von Kommunen, Behörden, Familienbildungsstätten, der Lebensberatung, Krankenhaus, Behinderten- einrichtungen, von der Fachstelle Jugend, kooperierenden Pflegeeinrichtungen, Seniorenzentren sowie Vertreter der pastoralen Arbeit und aus der Politik. Caritas-Geschäftsführer Richard Stahl freute sich, so viele unterschiedliche Professionen an einem Ort zu begrüßen, „denn Sozialarbeit kann nur vernetzt funktionieren.“  |  Foto: E.T. Müller Peter Bender, Moderator der Fachtagung, bezeichnete Sozialraumorientierung als Basis allen kirchlichen Handelns, wobei die Lebenswelten der Menschen mit in den Blick geraten. Sozialraumorientierung beschreibt die Haltung, mit der Sozialarbeiter, kirchliche Mitarbeiter, Mitarbeiter von Verwaltungen oder Einrichtungen möglichst auf Augenhöhe mit Menschen arbeiten. Ein wichtiges Instrument, das auch bei der Umsetzung der Synode im Bistum Trier Berücksichtigung findet. Der Wille der Betroffenen ist Ausgangspunkt allen Handelns unter Einbezug der eigenen Ressourcen sowie die des sozialen Umfeldes. Kollidiert das mit dem alten Grundsatz der Sozialarbeit, „Menschen dort abzuholen wo sie stehen“? — Antworten gab der provokante, anschauliche und humorvolle Fachvortrag von Professor Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen. Schließlich gilt der Referent als Vater des Konzepts Sozialraumorientierung. Professor Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen bei seinem Vortrag  |  Foto: E.T. Müller Professor Hinte führte aus: „Ich bin dagegen, zu überlegen, was die Menschen brauchen.“ Vielmehr sei es wichtig, dem Willen der Menschen auf die Spur zu kommen, der aber liege nicht auf dem Tisch. Außerdem würden viele Wünsche von den Menschen als Willen kaschiert, führte Hinte aus und ergänzte: „Aus dem Willen ergeben sich die Ziele.“ Statt von „Betreuung“ solle die Sozialarbeit besser von „Unterstützung“ sprechen. „Blöd allerdings, dass Menschen gerne betreut werden“, so Wolfgang Hinte. Und weiter: „Schaffen Sie Arrangements und Settings, wo die Menschen etwas aus eigener Kraft tun können. Würde kriegen Menschen nur dadurch, indem sie selbst etwas tun und schaffen.“ Wichtig sei auch ein veränderter Blickwinkel, durch den die Eigenschaften eines Menschen nicht als Defizite, sondern als Fähigkeiten definiert werden — so kann im „Lügner“ auch der „kreative Geschichtenerzähler“ gesehen werden und auch sogar ein Kleinkrimineller hat  Fähigkeiten, die zwar verboten sind, jedoch auch für seine berufliche Laufbahn nützlich sein könnten. Und Prof. Hinte erzählte die Geschichte eines Motorradfahrers mit Lederjacke, der einen gewalttätigen Jungen faszinierte. Diese positive erwachsene Identifikations- figur schaffte es ohne Sozialarbeit, dass der Jugendliche gewaltfrei wurde. Professor Dr. Wolfgang Hinte: „Wir brauchen den Blick für Sozialraumorientierung und müssen den Zufall nutzen.“ Notwendig sei zudem der Blick über den Tellerrand: Wer mit Arbeitslosen arbeitet, hat auch mit Unternehmen zu tun, wer mit Flücht- lingen arbeitet, auch mit Einheimischen. Doch vor jeder sozialen Arbeit gelte es, den Willen des Menschen herauszuarbeiten und ihn zu fragen: „Was kannst Du selbst tun, dass Dein Wille geschehe? Was Deine Familie, Nachbarn, Freunde?“ Foto: E.T. Müller Mit seiner Forderung „weniger versorgend und mehr aktivierend“ zu arbeiten, stellte der Universitätsprofessor auch in der anschließenden Diskussion gängige Konzepte von Sozialarbeit infrage, eine Steilvorlage für die Gesprächsrunden, die am Nachmittag im „World Café“ zusammenfanden. Die aktivierende Großgruppen- methode lud die Anwesenden dazu ein, sich zu zehn verschiedenen Fragestellungen in wechselnden Konstellationen offen auszutauschen, was bei den über 150 Anwesenden nicht nur zu einem hohen Lärmpegel, sondern auch zu zahlreichen weiterführenden Fragestellungen, Erkenntnissen und konkreten Umsetzungsideen zum Thema führte. Die Teilnehmer kamen ins Gespräch  |  Foto: E.T. Müller „Wie können Fachlichkeit und die Ausrichtung vor Ort eine entsprechende Kommunikation finden“, resümierte Caritas-Geschäftsführer Werner Steffens, Andernach und Mayen. Und Caritas-Geschäftsführer Richard Stahl, Ahrweiler, merkte an, dass Themen wie Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit alle schon einmal da waren, aber alles auch seine Zeit brauche und die sei nun, wo viele interessiert und gewillt sind, gekommen. Mit der Fachtagung hat sich der Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr gemeinsam mit zahlreichen Partnern aus Kirche, Kommune und anderen Institutionen nun auf den Weg gemacht. In einem Video auf Youtube stellt Wolfgang Hinte anschaulich seinen Ansatz der Sozialraumorientierung dar. Veröffentlicht vom Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg-Essen.

Gemeinsam im Sozialraum

unterwegs

Caritas-Fachtagung mit Professor

Dr. Wolfgang Hinte brachte Profis

ins Gespräch

30.1.2018  |  Zur Fachtagung im Klosterforum nach Maria Laach hatte der Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V. eingeladen. „Gemeinsam im Sozialraum unterwegs“ waren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Caritasverbands aus Ahrweiler, Andernach und Mayen sowie Kooperationspartner von Kommunen, Behörden, Familienbildungsstätten, der Lebensberatung, Krankenhaus, Behinderten- einrichtungen, von der Fachstelle Jugend, kooperierenden Pflegeeinrichtungen, Seniorenzentren sowie Vertreter der pastoralen Arbeit und aus der Politik. Caritas-Geschäftsführer Richard Stahl freute sich, so viele unterschiedliche Professionen an einem Ort zu begrüßen, „denn Sozialarbeit kann nur vernetzt funktionieren.“  |  Foto: E.T. Müller Peter Bender, Moderator der Fachtagung, bezeichnete Sozialraumorientierung als Basis allen kirchlichen Handelns, wobei die Lebenswelten der Menschen mit in den Blick geraten. Sozialraumorientierung beschreibt die Haltung, mit der Sozialarbeiter, kirchliche Mitarbeiter, Mitarbeiter von Verwaltungen oder Einrichtungen möglichst auf Augenhöhe mit Menschen arbeiten. Ein wichtiges Instrument, das auch bei der Umsetzung der Synode im Bistum Trier Berücksichtigung findet. Der Wille der Betroffenen ist Aus- gangspunkt allen Handelns unter Einbezug der eigenen Ressourcen sowie die des sozialen Umfeldes. Kollidiert das mit dem alten Grundsatz der Sozialarbeit, „Menschen dort abzuholen wo sie stehen“? — Antworten gab der provo- kante, anschauliche und humorvolle Fach- vortrag von Professor Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen. Schließlich gilt der Referent als Vater des Konzepts Sozialraumorientierung. Professor Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg- Essen bei seinem Vortrag  |  Foto: E.T. Müller Professor Hinte führte aus: „Ich bin dagegen, zu überlegen, was die Menschen brauchen.“ Vielmehr sei es wichtig, dem Willen der Menschen auf die Spur zu kommen, der aber liege nicht auf dem Tisch. Außerdem würden viele Wünsche von den Menschen als Willen kaschiert, führte Hinte aus und ergänzte: „Aus dem Willen ergeben sich die Ziele.“ Statt von „Betreuung“ solle die Sozialarbeit besser von „Unterstützung“ sprechen. „Blöd allerdings, dass Menschen gerne betreut werden“, so Wolfgang Hinte. Und weiter: „Schaffen Sie Arrangements und Settings, wo die Menschen etwas aus eigener Kraft tun können. Würde kriegen Menschen nur dadurch, indem sie selbst etwas tun und schaffen.“ Wichtig sei auch ein veränderter Blickwinkel, durch den die Eigenschaften eines Menschen nicht als Defizite, sondern als Fähigkeiten definiert werden — so kann im „Lügner“ auch der „kreative Geschichtenerzähler“ gesehen werden und auch sogar ein Kleinkrimineller hat  Fähigkeiten, die zwar verboten sind, jedoch auch für seine berufliche Laufbahn nützlich sein könnten. Und Prof. Hinte erzählte die Geschichte eines Motorradfahrers mit Lederjacke, der einen gewalttätigen Jungen faszinierte. Diese positive erwachsene Identifikationsfigur schaffte es ohne Sozialarbeit, dass der Jugendliche gewaltfrei wurde. Professor Dr. Wolfgang Hinte: „Wir brauchen den Blick für Sozialraumorientierung und müssen den Zufall nutzen.“ Notwendig sei zudem der Blick über den Tellerrand: Wer mit Arbeitslosen arbeitet, hat auch mit Unternehmen zu tun, wer mit Flüchtlingen arbeitet, auch mit Einheimischen. Doch vor jeder sozialen Arbeit gelte es, den Willen des Menschen heraus- zuarbeiten und ihn zu fragen: „Was kannst Du selbst tun, dass Dein Wille geschehe? Was Deine Familie, Nachbarn, Freunde?“ Foto: E.T. Müller Mit seiner Forderung „weniger versorgend und mehr aktivierend“ zu arbeiten, stellte der Universitätsprofessor auch in der anschließenden Diskussion gängige Konzepte von Sozialarbeit infrage, eine Steilvorlage für die Gesprächsrunden, die am Nachmittag im „World Café“ zusammenfanden. Die aktivierende Großgruppenmethode lud die Anwesenden dazu ein, sich zu zehn ver- schiedenen Fragestellungen in wechselnden Konstellationen offen auszutauschen, was bei den über 150 Anwesenden nicht nur zu einem hohen Lärmpegel, sondern auch zu zahl- reichen weiterführenden Fragestellungen, Erkenntnissen und konkreten Umsetzungs- ideen zum Thema führte. Die Teilnehmer kamen ins Gespräch  |  Foto: E.T. Müller „Wie können Fachlichkeit und die Ausrichtung vor Ort eine entsprechende Kommunikation finden“, resümierte Caritas-Geschäftsführer Werner Steffens, Andernach und Mayen. Und Caritas-Geschäftsführer Richard Stahl, Ahrweiler, merkte an, dass Themen wie Sozialraumorientierung und Gemeinwesen- arbeit alle schon einmal da waren, aber alles auch seine Zeit brauche und die sei nun, wo viele interessiert und gewillt sind, gekommen. Mit der Fachtagung hat sich der Caritas- verband Rhein-Mosel-Ahr gemeinsam mit zahlreichen Partnern aus Kirche, Kommune und anderen Institutionen nun auf den Weg gemacht. In einem Video auf Youtube stellt Wolfgang Hinte anschaulich seinen Ansatz der Sozialraumorientierung dar. Veröffentlicht vom Institut für Stadtteil- entwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg- Essen.